Beurteilungstext
Städtebaulich differenzieren die Verfasser die Bauaufgabe in zwei klar voneinander nach außen hin sich abzeichnende Gebäudestrukturen. Dabei wird das komplett erhaltene Gebäude am Postplatz zur Hauptadresse, weitere Zugänge befinden sich untergeordnet an der Forst- und Rädelstraße. Ziel der Verfasser ist auch im Bereich der Forststraße die Altbausubstanz strukturell wieder zu verwenden und auf dieser Basis zusammen mit dem Neubauteil ein völlig neues Erscheinungsbild zu erzeugen, welches durch Höhenstaffelungen und Fassadenrythmen sich angemessen in die Umgebung integriert. An der innenräumlichen Struktur gibt es allerdings etliche kritische Anmerkungen, so zum einen an der lang gezogenen Wegeverbindung zum Nebeneingang Rädelstraße und zum anderen an der zwar exponierten aber sehr aufwendigen Binnenlage des Mehrzweckraumes im Obergeschoss.
Die Verkehrsflächen sind angenehm proportioniert und zeigen gute Aufenthaltsqualitäten für Besucher. Kritisch gesehen wird die Problematik der Höhenstaffelung der Baumasse im Bereich Rädelstraße, sowohl im Bezug zur bestehenden Nachbarschaft als auch zur Qualität der Belichtung des Innenhofs. Die Fassaden sind der Nutzung entsprechend klar aufgebaut, das verwendete Hüllmaterial im Kontext vorstellbar. Der Umgang mit der historischen Bausubstanz ist nachvollziehbar dargestellt, eine wirtschaftliche Erstellung und Betrieb erscheinen gegeben. Die Arbeit zeigt einen interessanten Beitrag für die gestellte Bauaufgabe.
Tragwerk:
Der Neubau lässt sich mit allgemein üblichen Anforderungen an die statisch konstruktiven Planung errichten. Die gewählten Systeme und Baumaterialien erfüllen eine klare Lastabtragung und Standsicherheit. Die Trennung zwischen alten und neuen Baukörpern bleibt konsequent durchgehalten.
Haustechnik:
Die Wettbewerbsarbeit beinhaltet ein schlüssiges Gebäudetechnik-Gesamtkonzept. Im Zusammenhang mit der kompakten Kubatur sind geringe Betriebskosten zu erwarten.
Unser Entwurf geht vom größtmöglichen Erhalt von Bauteilen des Bestandsgebäudes aus, die erstrangig stadtbildprägend sind. Das wären in erster Linie die fast komplett erhaltene Fassade der Eingangsseite sowie das stadtbildprägende typische Dach des Ursprungsbaus.
An diese Stelle legen wir die Schnittstelle zwischen Erhalt und Neubau. Die durch Kriegszerstörungen sowie in den darauffolgenden Jahren durch viele Umbauten verunklärten Bauteile stehen hier zur Disposition. Für einen modernen, energetisch optimal terminierten Verwaltungsbau sind weitgehende natürliche Belichtung sowie optimale Raumhöhen eine wichtige Voraussetzung. Deshalb greifen wir die ursprüngliche „Raumidee“ des alten Kaufhauses mit seinem Atrium auf und interpretieren dies neu. Bauordnungsrechtlich wird an angrenzenden Grundstücken mit Grenzbebauung bzw. Hofbildung zur Einhaltung der Abstandsflächen reagiert.
Es entsteht eine Raumfolge beginnend mit dem historischen Teil des Bestandsgebäudes, in das - aufgrund der großen Raumhöhen - Galerien eingefügt werden. Daran schließt sich dem natürlichen Geländeverlauf folgend ein introvertiertes passagenartiges Raumgefüge aus einem großen Atrium mit dazwischen „eingeschobenen“ verbindenden Bauteilen. Es entstehen zwei Verwaltungsgebäudeteile entsprechend der geforderten Ämterstruktur. Deren zentrale Baukörper sind, durch den Plenarsaal des Kreistages gebildet, auch Ansatzpunkt vielfältiger anderer öffentlicher multifunktionaler Nutzungen. Somit entsteht ein übersichtlicher, für den Bürger und die Mitarbeiter trotz seiner Größe über-sichtlicher Gebäudekomplex. Zentrale, geforderte, oft frequentierte Funktionen (z. B. Sparkasse, Bür-gerbüro, Cafeteria, Haupt- und Personalamt, Jugend- und Sozialamt, Kultur- und Sportamt und Kreisbauamt) werden leicht erreichbar im EG eingeordnet. Der zentrale öffentliche Bereich schafft somit eine interne städtebauliche Verbindung zwischen dem Hauptzugang an der Bahnhofstraße und der Kreuzung Forststraße / Rädelstraße Zugang zum Parkdeck. Der entstehende „Innenraum“ schafft eine logische Erweiterung des Fußgängerbereichs Bahnhofstraße - es entsteht eine Vielzahl von möglichen Aktivitäten wie Ausstellungen / Aktionen in wettergeschützer Situation.
Ein fein strukturiertes Energiekonzept sorgt im Einklang mit dem architektonischen Entwurf - Reduzierung der Außenkubatur durch Schaffung eines großen passagenartigen Innenraumes - für günstige Energieverbrauchswerte. Die entstehenden Dachtragwerke werden mittels Thermosolar- / Photovoltaikanlage zur Energiegewinnung herangezogen, dienen jedoch gleichzeitig der sommerlichen Ver-schattung. Gut angebundene Treppenhäuser inkl. Aufzüge sichern die notwendige Erschließung sowie bauordnungsrechtliche Notwendigkeiten wie Fluchtweglängen und Evakuierungswege. Das gesamte Gebäude entspricht den Forderungen des barrierefreien Bauens.
Immer wieder sorgen Durch- bzw. Ausblicke (vor allem an Warte- bzw. Foyerzonen) für abwechs-lungsreiche und übersichtliche Raumstrukturen bzw. Übersichtlichkeit. Das mit natürlichen Bepflanzungen versehene Atrium schafft ein angenehmes Raumklima des inneren Bereiches. Gleichzeitig bieten sie Gewähr für eine hohe ästhetische Attraktivität dieser Zone.
Die Altbausubstanz des vorhandenen Gebäudes wird umfassend saniert und erlebbar gemacht. Einbauten, Trennwände, partielle Unterdecken lassen die Sicht auf die alten Gestaltungselemente frei - als Mittel des raumbildenden Ausbaus dienen Tischlerplatten, Glastrennwände, Galerien, Deckensegel etc.
Das historisch wertvolle Treppenhaus im Altbau wird erhalten und denkmalpflegerisch aufgearbeitet. Das Erscheinungsbild des Erdgeschosses wird entsprechend der historischen Struktur zurückgeführt, die störenden Vordächer werden entfernt, die alten drei Eingangsachsen reaktiviert. Die Errichtung des Neubauteils erfolgt in Stahlbetonbauweise (Fertigteile bzw. Halbfertigteile) als statisches Längs-wandsystem mit integrierter Betonkernaktivierung in den Decken. Das Tragwerk der Innnenraumüberdeckung erfolgt mittels Stahlkonstruktion. Als besondere Konstruktion wird das Saalbauwerk an zentraler Stelle durch sein markantes Stahlfachwerk erlebbar.
Die Fassadenstruktur erscheint klar als „geschichtete“ sichtbare Deckenstruktur. Das Erscheinungsbild der Fassade wird von farbigen Glas- bzw. Strukturbetonelementen („Plauener Spitze-Motive“) geprägt, die vor den massiven Wandkonstruktionen auf einer hinterlüfteten gedämmten Konstruktion spielerisch die Struktur der Fassade bilden. Im Gebäudeinneren überwiegen die farbigen Gläser, im Äußeren die Strukturbetonelemente.
ARGE Junk & Reich Architekten BDA Planungsgesellschaft mbH und Hartmann + Helm / Trabert&Partner / CPE GmbH Halle
07. April 2010