Erfurt (ddp). Sieben Jahre war Edith Silberschlag alt, als sie innerhalb
von Minuten Mutter, Schwestern und ihren linken Arm verlor. Trotzdem hatte
sie Glück. Als einzige von 270 Menschen wurde sie im Februar 1945 aus den
Trümmern der bombardierten Bibliothek im Erfurter Augustinerkloster
gerettet. Für Nachbarn, Freunde und Verwandte wurde der Keller des über
400 Jahre alten Gebäudes, in dem sie Zuflucht vor den britischen
Fliegerangriffen gesucht hatten, zur Todesfalle. Am Freitag (27. August)
wird die wieder aufgebaute Klosterbibliothek 65 Jahre nach ihrer
Zerstörung feierlich eröffnet.
Die Fundamente des Bibliothekskellers hatten viele Jahrzehnte lang frei
stehend an die Tragödie von damals erinnert. Zwar wurden schon zu
DDR-Zeiten die Augustinerkirche und andere Klostergebäude
wiederhergestellt, aber für die Bibliothek und die ebenfalls zerstörten
Waidhäuser war kein Geld vorhanden. Erst im Juli 2005 - 500 Jahre, nachdem
Martin Luther das Kloster betreten hatte - begann der Wiederaufbau der
Bibliothek.
Fünf Millionen Euro seien seitdem in den modernen Bau investiert worden,
sagt der Kurator des Klosters und Vorstandsvorsitzende der Stiftung
Augustinerkloster zu Erfurt, Lothar Schmelz. «Die letzte schmerzhafte
Kriegsspur in der Erfurter Innenstadt ist damit beseitigt». Bei
archäologischen Grabungen vor Baubeginn wurden unter anderem
Handwerkerhäuser aus dem frühen elften Jahrhundert und Überreste eines
Waisenhauses mit 82 Kindergräbern gefunden, die neue Erkenntnisse über
die Geschichte Erfurts liefern.
An dem Bibliotheksneubau fällt die Komposition von historischem Gebäude
und modernem, zweistöckigem Überbau auf. Das hohe Gebäude, das das
Kloster überragt, aber niedriger als sein Vorgänger ist, passt ins
historische Gesamtensemble des knapp 800 Jahre alten Klosters.
«Wir wollten keine Rekonstruktion der historischen Architektur», sagt
Schmelz. Die Besonderheit sind die «Mikropfähle», die auf die alten
Gemäuer aufgelegt sind. Am Übergang von Alt zu Neu ist eine 30 Zentimeter
hohe gläserne Sichtkante eingefügt worden. «So scheint es, als ob das
neue Haus über den historischen Grundmauern schwebt», schwärmt der
Technische Leiter des Klosters, Radion Jelew.
Das neue Gebäude soll die Platznot des Klosters bei öffentlichen Tagungen
lindern. Im Erdgeschoss und im zweiten Stock sind Tagungsräume für 50 bis
200 Personen entstanden. Die Nähe zum Kloster ist unübersehbar. Der Saal
im Dachgeschoss ähnelt einem Kirchenschiff. Im Tagungsraum im Erdgeschoss
wurden Reste der alten Gemäuer eingefügt. Im ersten Stock haben Vereine
und Stiftungen, darunter die Internationale Martin-Luther-Stiftung, Büros
angemietet.
Der Keller mit dem originalen Fußboden und den sorgsam renovierten Wänden
wird als kleine Gedenkstätte für die Opfer des Bombenangriffs von 1945
genutzt. Sichtfenster in der Kellerdecke schaffen wiederum eine Verbindung
vom Gestern zum Heute. «Früher stand die Bibliothek jedermann offen»,
sagt Schmelz. «Das soll auch weiterhin so sein.»
Den ersten Bibliotheksneubau vor 500 Jahren hatte damals Martin Luther
miterlebt. Mit der Eröffnung 1516 hatte das Kloster seine größte
Ausdehnung erreicht und galt im Spätmittelalter als führendes geistiges
Zentrum. Das Haus konnte aber nur wenige Jahre die Büchersammlung
beherbergen. Zur Reformation wurde sie größtenteils zerstört. 1646
gründeten die evangelischen Pfarrer Erfurts eine neue Bibliothek im alten
Klostergebäude.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden die wertvollen Bücher in Kirchen
umliegender Dörfer ausgelagert. Noch 1945 kehrten sie zurück. Mit derzeit
60 000 Bänden gehöre die Bibliothek zu den bedeutendsten kirchlichen
Sammlungen in Deutschland, sagt Bibliotheksleiter Michael Ludscheidt.
Rund 200 Gäste werden am Freitag zur feierlichen Eröffnung erwartet.
Darunter sind viele Angehörige der damaligen Opfer. Auch die Erfurter
Familie Silberschlag, die nach eigenen Recherchen entfernt mit Edith
verwandt ist, wird dabei sein. Die einzige Überlebende kann leider nicht
mehr kommen. Edith starb Hans Silberschlag zufolge bereits im Alter von 39
Jahren in Westdeutschland.
(ddp)
27. August 2010